St. Wolfgang im Salzkammergut gehört zu den wichtigsten Erinnerungsorten des heiligen Wolfgang. Von seinem Wirken dort ist jedoch historisch nichts überliefert. Umso mehr weiß die Legende zu berichten: Hoch über dem Abersee, wie der Wolfgangsee ursprünglich hieß, soll sich der Regensburger Bischof zunächst auf den Falkenstein zurückgezogen haben, um hier als Einsiedler zu leben; Höhlen im Felsen und eine Reihe kleiner Kapellen erinnern an seinen Aufenthalt. Und per Beilwurf bestimmte er schließlich den Platz, auf dem er im Tal seine Klause bauen wollte. An dieser Stelle, markant über dem Ufer des Abersees, erhebt sich heute die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Wolfgang.
Das Gebiet um den heutigen Ort St. Wolfgang befand sich im Besitz des Klosters Mondsee, das nordwestlich von St. Wolfgang, jenseits des Schafbergs am gleichnamigen See liegt. Mondsee war seit 833 Eigenkloster des Bistums Regensburg und unterstand damit dem Regensburger Bischof. Im Jahre 976 wich Bischof Wolfgang dem in Regensburg eskalierenden Streit zwischen Herzog Heinrich II. (dem „Zänker“) und Kaiser Otto II. aus und hielt sich für ein gutes Jahr in Mondsee auf. Möglicherweise kam er zumindest während dieser Zeit auch in die Forste am Abersee.
Kloster Mondsee hat die Wolfgangsverehrung stark befördert und sich um Ausschmückung und Ausbreitung der Legende gesorgt: Wolfgang habe als Einsiedler am Falkenstein gelebt, sei vom Teufel versucht worden und habe schließlich durch Wurf eines Beiles den Ort der Kirche bestimmt, die er eigenhändig errichtet habe. Nach Jahren des Einsiedlerlebens entdeckte ihn ein Jäger, und eine Regensburger Delegation wollte ihren Bischof zurückholen; als aber das Kirchlein seinem Erbauer folgen wollte, befahl dieser ihm, an seiner Stelle am See zu bleiben: Wolfgangs Wunderkraft würde sich nicht an seiner Grabstätte erweisen, sondern hier, am Ufer des Abersees – der deutlichste Hinweis, dass Kloster Mondsee den Schwerpunkt der Wolfgangsverehrung und den wallfahrtsmäßigen Kult auf das eigene Gebiet lenken wollte; die großen Pilgerströme zogen nicht zu seinem Grab in Regensburg, sondern an den Abersee. Die Wallfahrt lässt sich erstmals im Jahre 1306 nachweisen, St. Wolfgang wurde eine der meistbesuchten Pilgerstätten des Spätmittelalters und strahlte über ganz Mitteleuropa hinaus.
Seit wann es über dem Seeufer eine Kirche gibt, ist unbekannt. Es ist möglich, dass bereits Wolfgang hier ein Gotteshaus errichten ließ. Historisch greifbar wird die Kirche aber erst im 12. Jahrhundert, Patron war ursprünglich Johannes der Täufer; als Wolfgangskirche wird sie 1194 erwähnt.
Im bestehenden Kirchenbau haben sich Reste eines spätromanischen oder frühgotischen Baus erhalten, dessen Umfang dem heutigen Hauptschiff entsprach. Die Schäden, die ein Brand 1429 verursacht hat, scheinen sich in Grenzen gehalten zu haben. Erst ab 1448 sind umfangreichere Bauarbeiten nachweisbar: Das Schiff wurde neu gewölbt, ab circa 1455 erfolgte der Anbau des Seitenschiffs im Norden. Diese Arbeiten waren 1463 weitgehend abgeschlossen.
Nachdem Mondsee in St. Wolfgang ein Filialkloster eingerichtet hatte, wurde für das Chorgebet der Benediktiner um 1470 ein geräumiger Chorraum errichtet. 1477 war die Kirche so weit vollendet, dass sie geweiht werden konnte.
Die Krönung der Innenausstattung bildet das große Flügelretabel von Michael Pacher, dem hochangesehenen Maler und Altarbauer im südtirolischen Bruneck. Über Auftrag und Aufstellung unterrichtet die schriftliche Überlieferung genau: Am 13. Dezember 1471 schloss der Mondseer Abt Benedikt Eck mit Michael Pacher den Vertrag. Die Aufstellung des Retabels erfolgte 1481.
Seine gestalterische Geschlossenheit, sein vorzüglicher Erhaltungszustand und seine überragende Qualität begründen seinen anhaltenden Ruhm.
Im geöffneten Schrein sind reich geschnitzte und vergoldete Holzskulpturen zu sehen: Die Krönung Mariens, umgeben von Engeln und flankiert von Wolfgang, dem Ortspatron, und Benedikt, dem Ordensgründer. Die bemalten Flügel lassen eine zweifache Öffnung zu: vier Szenen aus dem Marienleben auf der Innenseite des inneren Flügelpaares; acht Szenen aus dem Leben Jesu, wenn das innere Flügelpaar geschlossen ist; und vier Szenen aus der Wolfgangslegende, wenn das äußere Flügelpaar geschlossen ist.
In der Barockzeit wurde die Ausstattung um bedeutende Stücke von Thomas Schwanthaler aus Ried im Innkreis und von Meinrad Guggenbichler aus Mondsee bereichert. 1713 erfolgte auch eine bauliche Erweiterung: Damals wurde nördlich an die Kirche die Wolfgangskapelle angebaut. Die Kapelle nimmt zwei legendäre Erinnerungsorte des heiligen Wolfgang auf, die kleine Klause, die er selbst erbaut haben soll, und den Stein, der Wolfgangs Spuren tragen soll. Bis 1713 befanden sich beide außerhalb der Kirche.
Westlich des Ortes St. Wolfgang, dem Schafberg vorgelagert, erhebt sich bis in 200 Meter über dem Wolfgangsee der Falkenstein. Für die Wolfgangsverehrung ist er von zentraler Bedeutung, da man an verschiedenen Gesteinsformationen die Spuren des Heiligen erkannte: die Höhle, die ihm als Behausung diente; die Quelle, die er mit seinem Stab aus dem Felsen geschlagen hat; die Felswand in der engen Felsenschlucht, die er mit ausgebreiteten Armen stützte, als der Teufel sie über ihn einstürzen lassen wollte; den Felsvorsprung, von dem aus er das Beil geworfen hat; und den Stein, auf dem sich Wolfgang zur Rast niederließ, als er nach seinem Beil suchte.
Zwischen Falkenstein und St. Wolfgang verläuft der Dittlbach, der eine mehrfache Grenze markiert: zwischen dem Land Oberösterreich und dem Land Salzburg, zwischen der Diözese Linz (früher Passau) und der Erzdiözese Salzburg sowie zwischen den Gemeinden St. Wolfgang und St. Gilgen; der Falkenstein gehört bereits zur Gemeinde St. Gilgen und damit zu Salzburg.
Diese Grenze gab bis in das Hochmittelalter hinein immer wieder Anlass für Konflikte: Kloster Mondsee, das 1142 seine Unabhängigkeit vom Regensburger Bischof erlangt hatte, gewann gegen das Hochstift Regensburg 1184 einen Rechtsschreit um Waldbesitz am Abersee. Das Erzstift Salzburg, das im 13. Jahrhundert in der Nähe des Abersees Regensburger Güter erworben und auch am Mondseer Besitz Interesse hatte, verzichtete 1291 endgültig auf alle Ansprüche an dem Gebiet. Die Grenzen des Mondseer Besitzes waren damit verbindlich festgelegt. Es ist gut möglich, dass Mondsee diesen Erfolg auf die Fürsprache Wolfgangs zurückführte und seine Verehrung deshalb besonders förderte. Möglicherweise kam der heilige Bischof auch so zu seinem Attribut des Beiles: Es gab den alten Rechtsbrauch, die Abmarkung von Grundbesitz mittels Beilwurf zu bestimmen.