Der heilige Wolfgang gehört zu jenen Persönlichkeiten der europäischen Geschichte, deren historische Existenz eindeutig belegt ist, deren Bild jedoch schon relativ früh von einer Schicht legendärer Erzählungen umgeben wurde. Dieses Schicksal teilt er im Übrigen mit den meisten bedeutenden Heiligen des Mittelalters. Neben dem historischen Menschen beginnt nämlich noch eine zweite Gestalt zu leben – eine Gestalt, die durch kollektives Gedächtnis, Frömmigkeit, Vorstellungskraft und kulturelle Tradition geformt wird. Der historische Wolfgang war eine außergewöhnliche Persönlichkeit des 10. Jahrhunderts. Er wurde um 924 geboren, wirkte als Gelehrter, Geistlicher und Reformator, verbrachte einen Teil seines Lebens in einem asketisch geprägten klösterlichen Umfeld und wurde 972 Bischof von Regensburg. Er starb 994 während einer Reise im oberösterreichischen Pupping. Bereits kurz nach seinem Tod wurde er als Heiliger verehrt, und sein Kult begann sich rasch in Mitteleuropa auszubreiten.
Vor allem in Bayern und Österreich wurde der heilige Wolfgang zu einer der prägenden geistlichen Gestalten des regionalen Gedächtnisses. Sein Kult gelangte jedoch auch in die böhmischen Länder, wo er nicht nur in der sakralen Topografie, sondern ebenso in der lokalen Volkstradition Spuren hinterließ. Und gerade dort, wo ein starker Kult entsteht, entstehen auch Geschichten.
Heutige Leser verstehen unter dem Wort Legende häufig eine Geschichte, deren Wahrheitsgehalt unsicher oder die vollständig erfunden ist. Im mittelalterlichen Kontext hatte dieser Begriff jedoch eine andere Bedeutung. Das lateinische legenda bedeutet wörtlich „das, was gelesen werden soll“. Es handelte sich um Texte, die zur Lesung in Klöstern, während der Liturgie oder zu festlichen Anlässen bestimmt waren. Ihr Ziel war nicht, biografische Wahrheit im modernen historischen Sinne festzuhalten, sondern eine geistliche Botschaft zu vermitteln, ein Vorbild der Heiligkeit zu bieten und die religiöse Vorstellungswelt der Gläubigen zu stärken.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Legenden keinen historischen Wert besitzen. Man muss lediglich ihre Eigenart verstehen. Mittelalterliche Autoren arbeiteten ganz selbstverständlich mit bereits bekannten Motiven, die sie übernahmen, veränderten und in neue Zusammenhänge stellten. Ähnlich funktionierte auch die mündliche Überlieferung. Erzähler passten die Geschichten ihrem Publikum, dem jeweiligen lokalen Umfeld und ihrer eigenen Vorstellungskraft an. Deshalb begegnen uns bei Heiligen in ganz Europa überraschend ähnliche Motive – der Kampf gegen den Teufel, wundertätige Quellen, Steine mit den Spuren eines Heiligen, wilde Tiere oder dramatische Geschichten über die Entstehung von Kirchen. Der heilige Wolfgang bildet in dieser Hinsicht keineswegs eine Ausnahme.
Wolfgangs Kult beschränkte sich nicht auf einen einzigen Ort. Sein natürliches Zentrum war Regensburg, wo er als Bischof wirkte; eine besonders starke Ausprägung erfuhr er jedoch auch im österreichischen Raum, vor allem rund um das heutige St. Wolfgang im Salzkammergut, einen der bedeutendsten Wallfahrtsorte Mitteleuropas. Von dort verbreitete sich die Wolfgang-Tradition weiter und passte sich neuen Regionen an.
Dies ist auch im böhmischen Kontext von Bedeutung. Der heilige Wolfgang ist weder nur eine regionale Gestalt der bayerischen Geschichte noch ausschließlich ein mit einem bestimmten Ort verbundener Heiliger. Er ist Teil eines größeren Kulturraums, in dem die heutigen Staatsgrenzen bei Weitem nicht jene eindeutige Rolle spielten, die wir ihnen heute zuschreiben. Die Legenden über ihn entstanden daher nicht isoliert. Sie wanderten mit Pilgern und Predigern, mit Abschriften von Texten und bildlichen Vorlagen und nahmen bei jeder Übertragung neue Formen an.
Eines der bekanntesten legendären Motive im Zusammenhang mit dem heiligen Wolfgang ist die Geschichte von der geworfenen Axt. Der Überlieferung zufolge suchte er nach einem Ort, an dem er eine Kirche oder Einsiedelei gründen sollte, und überließ die Entscheidung einem höheren Willen: Er warf eine Axt in die Landschaft, und dort, wo sie niederfiel, sollte ein heiliger Ort entstehen. Diese Geschichte ist vor allem aus der österreichischen Tradition rund um den Wolfgangsee bekannt, ihre Symbolik ist jedoch wesentlich allgemeiner. In der mittelalterlichen geistlichen Vorstellungswelt war die Idee eines „offenbarten Ortes“ von großer Bedeutung. Ein heiliger Raum sollte nicht das Ergebnis einer menschlichen Entscheidung, sondern einer höheren Bestimmung sein.
Ebenso stark ist das Motiv des Teufels als unfreiwilligem Helfer beim Bau einer Kirche. In verschiedenen Fassungen der Legende benötigt Wolfgang Hilfe beim Bau des Heiligtums, wobei ihm eine dämonische Macht diese Hilfe anbietet – gewöhnlich im Austausch gegen eine menschliche Seele oder eine andere Belohnung. Am Ende überlistet der Heilige jedoch den Teufel, und das Chaos wird einer höheren Ordnung unterworfen. Ähnliche Geschichten sind aus ganz Europa bekannt und bilden eine eigenständige Gruppe innerhalb der mittelalterlichen Legendenüberlieferung. Es handelt sich selbstverständlich nicht um einen historischen Bericht, sondern um ein Bild des geistlichen Kampfes zwischen Ordnung und den Kräften einer unbeherrschbaren Welt.
Andere häufig wiederkehrende Motive erscheinen auf den ersten Blick weniger dramatisch, waren für die Wallfahrtskultur jedoch von außerordentlicher Bedeutung. Dazu gehören die Abdrücke des Heiligen im Fels, steinerne Lagerstätten, wundertätige Quellen oder andere physische Zeichen seiner Gegenwart. Der Pilger begegnete hier nicht nur einer Geschichte, sondern einem konkreten Ort, den er berühren konnte und der eine materielle Spur des Heiligen tragen sollte. So wird die Legende zu einem Teil der Landschaft.
Gerade hier stellt sich die Frage, warum es so viele Versionen derselben Geschichte gibt. Die Antwort ist eigentlich einfach: weil Legenden lebten. Sie wurden abgeschrieben, gekürzt, erweitert, neu erzählt und an neue Orte angepasst. Prediger veränderten die Akzente je nach Publikum, die Volkstradition formte die Geschichten weiter, und das lokale Umfeld verlieh ihnen neue Bedeutungen. Jede Region eignete sich den Heiligen ein Stück weit an.
Eine Legende ist daher keine „fehlerhafte Geschichte“. Sie ist ein lebendiger kultureller Mechanismus.
Und damit kommen wir zu Chudenice. Eine der lokalen Überlieferungen über den heiligen Wolfgang greift das bekannte Motiv der Auseinandersetzung des Heiligen mit einer teuflischen Macht und der Anwesenheit eines wilden Tieres auf. Während es sich bei diesem Tier im deutschen und österreichischen Raum in der Regel um einen Wolf handelt, erscheint in der böhmischen Tradition rund um Chudenice häufiger ein Fuchs.
Auf den ersten Blick mag dies nur wie ein unbedeutendes Detail erscheinen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein außerordentlich interessantes Beispiel dafür, wie Legenden funktionieren. Adolf Roubal wies bereits in seinen Obrázky ze starých Chudenic darauf hin, dass die Überlieferung über den Aufenthalt des heiligen Wolfgang in der Region in verschiedenen Fassungen tradiert wurde. Spätere regionalgeschichtliche Forschungen bestätigen dieses Bild. Der Schriftsteller Adolf Wenig, ein profunder Kenner der böhmischen Sagenüberlieferung, nennt in seinen České pověsti gerade den Fuchs, den er als „rothaariges Raubtier“ beschreibt. Dasselbe Motiv findet sich auch in weiteren böhmischen Quellen des 20. Jahrhunderts. Die Variante mit dem Wolf entspricht dagegen deutlicher der aus dem österreichischen und bayerischen Raum bekannten Tradition.
Dabei geht es nicht nur darum, ein Tier durch ein anderes zu ersetzen. Der Wolf war in der mittelalterlichen Vorstellungswelt ein starkes Symbol für Wildnis, Bedrohung und Chaos. Der Fuchs trägt im böhmischen Umfeld andere Bedeutungsschichten – er wird mit List, Beweglichkeit und Ambivalenz verbunden. Damit verändert sich auch die Symbolik der Erzählung selbst.
Gerade deshalb ist der Fall Chudenice so wertvoll. Es handelt sich weder um eine isolierte lokale Besonderheit noch um eine „falsche“ Variante einer bekannteren Legende. Im Gegenteil. Sie ist eine authentische regionale Interpretation einer größeren mitteleuropäischen Erzählung. Sie zeigt, wie kulturelle Motive durch Landschaften wandern, Grenzen überschreiten und neue Formen annehmen.
Chudenice ist somit nicht nur der Schauplatz einer lokalen Sage. Der Ort ist Teil einer weitgespannten Landkarte des kulturellen Gedächtnisses um den heiligen Wolfgang, die die böhmischen Länder mit Bayern und Österreich verbindet.
Zu fragen, ob sich diese Geschichten genau so ereignet haben, wie sie erzählt werden, ist aus historischer Sicht nicht die interessanteste Frage. Weitaus bedeutsamer ist, was die Menschen über diesen Heiligen erzählen wollten, wie sie die Landschaft um sich herum verstanden und welche Bedeutungen sie mit bestimmten Orten verbanden.
Eine Legende muss uns nicht genau sagen, was im 10. Jahrhundert geschah. Sie erzählt uns jedoch viel über die Menschen, die diesen Orten über Jahrhunderte hinweg Bedeutung verliehen haben. Auf dem Bolfánek und in seiner Umgebung wird die Legende nicht nur mit Worten erzählt. Sie ist in die Landschaft selbst eingeschrieben – in die Erinnerung des Ortes, in die einstige Wallfahrtstopografie und in die Art und Weise, wie dieser Raum über Generationen hinweg wahrgenommen wurde. Und vielleicht erreicht die Legende gerade dort ihre dauerhafteste Form – nicht im Text, sondern in der Landschaft selbst.